Interviews
Paramore: "Wir hatten eine harte Zeit"
Ein Interview mit Hayley Williams von Paramore kann man hier lesen.
Runder könnte es kaum laufen für die Anfangzwanziger aus Franklin im US-Staat Tennessee: Mit ihrem dritten Album "Brand new Eyes" landeten Paramore auf Platz Eins in England, auf Platz Zwei in den USA, auf Platz Sieben in Deutschland. Und dabei stand die Band, deren Stil man grob als Mischung aus Avrl Lavigne und Linkin Park bezeichnen kann, letztes Jahr noch kurz vor dem Aus. Wie sie und ihre vier Jungs doch noch die Kurve gekriegt haben, erzählt Sängerin Hayley Williams, 20, im Interview in Seattle.
Hayley, ihr habt gerade im Vorprogramm von No Doubt gespielt. Was hast du von Gwen Stefani und ihren Jungs gelernt?
Hayley Williams: Die haben sich unheimlich gut gehalten, obwohl sie schon seit 20 Jahren dabei sind. Alle haben Familie und wirken wahnsinnig entspannt. Ich würde sogar sagen, No Doubt machen den Eindruck, als wenn sie sich wirklich sehr lieben.
Wie sehr lieben sich denn Paramore?
Hayley: So gut wie wir können. Wir sind ja als beste Freunde angefangen. Damals mit 13 oder 14 haben wir die Band überhaupt noch nicht so ernstgenommen. Wir spielten einfach bei uns im Wohnzimmer. Wir hatten auch anfangs nicht diesen Traum, mit der Musik Geld zu verdienen und um die Welt zu touren.
Seid ihr immer noch beste Freunde?
Hayley: Ich würde uns jetzt eher mit einer Familie vergleichbar. Wir sind immer noch eng befreundet, aber wir müssen nicht mehr jeden Tag und jede Minute gemeinsam verbringen. Wir versuchen alle, uns auch einen Freundeskreis abseits von Paramore aufzubauen. Wenn wir dahein sind, treffen wir uns also eher mit anderen Leuten. Auf Tour geht das natürlich kaum, da hängt man schon sehr viel zusammen. Wir könnten auch niemals so eine Band sein, die sich nur auf der Bühne sieht und ansonsten kein Wort miteinander spricht und sich aus dem Weg geht.
Wohnt ihr noch Zuhause?
Nein, wir sind alle ausgezogen. Sind ja erwachsen jetzt (lacht).
Echt?
Hayley: Nein, so teils, teils, würde ich sagen. Denn wir machen ja irgendwie keinen richtigen Beruf für Erwachsene. Irgendwie aber schon. Musik ist ein großes Geschäft, auch wenn wir diesen Aspekt meist versuchen ein bisschen auszublenden. Von daher ist es schwer, reifer und erwachsener zu werden. Als Musiker bleibst du quasi für immer jung.
Eure Freunde, die jetzt um die 20 sind, arbeiten gehen oder aufs College – sind die also erwachsener?
Hayley: Das, was die im College lernen, das lernen wir auch. Wenngleich auf eine andere Art und Weise. Wir sitzen nicht im Hörsaal, aber auch wir müssen wach sein, aufpassen und viele Dinge beachten. Wir pennen nicht bis mittags und fangen dann an zu saufen. Eher im Gegenteil. Wir arbeiten richtig hart.
Als ihr im vergangenen Jahr eine geplante Europatournee abgesagt habt, munkelte man, ihr würdet euch trennen. Was war los?
Hayley: Wir haben uns nie gehasst, aber wir hatten eine harte Zeit. Wir mussten lernen, uns mit neuen, anderen Augen zu sehen, toleranter zu sein. Davon handeln so gut wie alle Songs auf „Brand New Eyes“. Und wir sind sehr froh, dass wir heil und einigermaßen unbeschadet dort durch gekommen sind.
Wie kam es denn überhaupt zu den Problemen?
Hayley: Wir litten darunter, das jeder von uns ein bestimmtes Bild von den anderen hatte.
Aber wir sind keine 14 mehr. Wir haben uns alle verändert. Wir sind ja mitten in diesem Alter, in dem es keine Konstanten mehr gibt. Ständig überlegen wir uns, was wir wollen und wer wir eigentlich sind. So geht es jedem, der um die 20 sind. Wir mussten lernen, uns gegenseitig auszuhalten. Als wir unsere Single „Ignorance“ schrieben, kamen eine Menge dieser internen Kämpfe auf den Tisch. Wer weiß, vielleicht hat dieser Song sogar unsere Band gerettet.
Du bist inzwischen ein Rockstar. Macht dir das Spaß?
Hayley: Kommt drauf an. Ich möchte nicht so berühmt sein, dass ich nicht mehr überall alleine hingehen und tun und lassen kann, was ich möchte. Und ob ich will oder nicht, ich muss aufpassen, was ich so sage. Denn irgendeiner macht immer ein Riesenfass auf, wenn Hayley Wiliams ihren Mund öffnet und ihre Meinung sagt.
Nervt es dich immer noch, wenn man dich auf deine Haarfarbe anspricht?
Hayley: Nein, ich finde, meine Haare sind fast schon eine Art Maske. Es gibt inzwischen viele Mädels mit orangenem Haar. Was gut für mich ist, denn oft meinen die Leute, die mich auf der Straße treffen, ich sei bloß ein Mädchen, dass sich die Haare so gemacht hat wie Hayley.
In Deutschland seid ihr vor allem dank eures Songs „Decode“ aus dem „Twilight“-Soundtrack bekannt. Waren der Film und Paramore die perfekte Kombination?
Hayley: Das kann man so sagen. Auch wenn wir niemals geglaubt hätten, dass dieser Film so eine Hysterie auslöst. Die ganze Geschichte ging unglaublich durch die Decke. Also sind wir im Nachhinein sehr glücklich, dass wir dabei sein durften. Denn durch „Twilight“ haben wir sehr viele neue Fans gewonnen. Früher kamen hauptsächlich Studenten zu unseren Konzerten, seit „Twilight“ sind die Jüngsten vielleicht acht oder neun. Auf dem Soundtrack zum zweiten „Twilight“-Film sind wir aber nicht dabei, wir wollen schließlich nicht als Vampirband in die Geschichte eingehen.
„Twilight“ ist ja eine recht moralische Saga. Möchtet ihr auch bestimmte Werte vermitteln, oder ist euch das eher egal?
Hayley: Na, wir haben jetzt nicht vor, irgend jemanden zu schockieren. Trotzdem wollen wir keine Vorbilder sein, höchstens positive Anstöße geben. Ich will nicht, dass die Leute denken, wir wären perfekt. Das kann nur zu Enttäuschungen führen. Aber wir legen es auch nicht auf Kontroversen an. Wir wollen Spaß haben und Rock’n’Roll machen.
Wie wild macht ihr denn Party?
Gummibärchen und Müsli. Wir fahren Fahrrad, sitzen an den Computern und sind echt verdammt öde.
Bist Du eine typische 20-Jährige?
Hayley: Weiß ich nicht. Eher nein. Wenn ich mich verliebe, möchte ich, dass es hält. Für unsere Generation ist echte Liebe selten geworden. So viele in meinem Alter suchen nur die schnelle Befriedigung. Mit Drogen, neuen Affären jede Nacht, oder sonstwas. Dabei erfüllen dich diese Oberflächlichkeiten nicht, das kann mir wirklich niemand erzählen.
Ist das schlimmer geworden?
Hayley: Finde ich schon. Immer mehr Leute lassen sich scheiden, das fällt uns als jungen Leuten auf. Die meisten unserer Eltern sind nicht mehr zusammen, auch meine haben sich vor einem Jahr getrennt. Andere Kids werden schwanger, man muss eine Menge erdulden in diesem Alter. Aber das Schöne ist da, man muss es nur finden.
Glaubst du an die Zukunft?
Hayley: Es wird schwierig. Aber ich bin zuversichtlich, dass es uns gut gehen wird. Unsere Generation ist nicht so abgestumpft, wie oft behauptet wird. Wir wollen etwas verändern.
Steffen Rüth